Wissenschaftskommunikation: Mit Virtual Reality nach Costa Rica

Matthias Beyer etabliert mit seinem Team eine drohnenbasierte Analysemethode, mit der sich die Wasserkreisläufe in Bäumen messen lassen. Die Ergebnisse sind auch relevant, um die Anpassungsfähigkeit von Vegetation an Klimaveränderungen genauer zu verstehen. Mit einem Video-Projekt erlaubt das Forschungsteam nun ausführliche Einblicke in die Feldforschung in Costa Rica  und in ihren Forschungsalltag. 

Herr Beyer, könnten Sie uns einen Einblick in Ihr Forschungsprojekt geben? Woran arbeiten Sie? 

Mein Freigeist-Projekt heißt "Isodrones - Resolving the mystery of deep roots". Das Vorhaben beschäftigt sich mit tief wurzelnder Vegetation, die in nahezu allen Regionen und Klimaten der Erde existieren, über die aber bisher – aufgrund der schwierigen Zugänglichkeit – sehr wenig bekannt ist. Fakt ist: In vielen Regionen spielen Tiefwurzler eine große Rolle für die Überbrückung von Trockenzeiten. In einem gesunden Mischwald beispielsweise können tief wurzelnde Bäume Wasser in die oberen Bodenschichten verlagern und dieses dort auch für andere Baumarten verfügbar machen. Die hohe Relevanz – auch in Deutschland – in Bezug auf Klimaveränderungen ist dabei direkt gegeben.

Das Hauptziel dieses Projektes ist es, in der Lage zu sein, tief wurzelnde Vegetation (Bäume, aber auch Büsche und landwirtschaftlich angebaute Pflanzenarten) sowie deren Einfluss auf Ökosysteme allein anhand von drohnenbasierten Ansätzen zu Erkennen. Um dieses Ziel zu erreichen, benötigen wir einen langjährigen, zeitlich hoch aufgelösten und spezialisierten Datensatz, an dem wir geeignete Kriterien erarbeiten können. Wir entwickeln dabei einen Ansatz aus neuartigen Methoden zur Messung stabiler Wasserisotope in Böden, Pflanzen und der Atmosphäre, die wir mit eher klassischen boden- und pflanzenphysiologischen Messungen ergänzen. Kombiniert mit hochaufgelösten Drohnenflügen möchten wir Indikatoren ableiten, die unabhängig von der untersuchten Baumart Rückschlüsse auf die ungefähre Wasseraufnahmetiefe erlauben. Dies ist zugegebenermaßen ein sehr ambitioniertes Ziel – jedoch geht es bei den Freigeist-Fellowships ja genau darum!

Freigeist-Fellow Dr. Matthias Beyer.
Dr. Matthias Beyer realisiert sein Freigeist-Forschungsprojekt an der TU Braunschweig. (Foto: Daniel Kunzfeld für VolkswagenStiftung)

Was möchten Sie mit Ihrem Outreach-Projekt erreichen?

Mit unserem Wisskomm-Projekt "An international Multimedia WissComm Social Media Campaign" möchten ich und mein Team einen authentischen Einblick in unseren Forschungsalltag bieten. In Videos auf Youtube (Youtubekanal von Isodrones) und auf unserer Webseite Isodrones.com zeigen wir große Teile unseres beruflichen, aber auch privaten Alltags. Die Videos richten sich an junges Publikum und sollen z. B. Studierenden und Nachwuchswissenschaftler:innen ermöglichen, neben einem realistischen Eindruck des Forschungsalltags auch komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge vermittelt zu bekommen.

Wie haben Sie das Wisskomm-Projekt umgesetzt?

Wir haben eine multimediale Dokumentation produziert, die in verschiedenen Handlungssträngen den Hauptprotagonist:innen des Isodrones-Projektes folgt. Das sind:

  • Kathrin Kühnhammer, Doktorandin, auf ihrem beruflichen und persönlichem Weg zur Dissertation, der sie in den Trockenwald nach Costa Rica führt. Dort kämpft sie nicht nur mit technischen Problemen, sondern auch mit persönlichen Herausforderungen. Kathi repräsentiert dabei auch die Themen Frauen in der Wissenschaft und Feminismus.
  • Malkin Gerchow, ebenfalls Doktorand, aber Mechatroniker und kein Naturwissenschaftler, sucht nach technischen Lösungen für naturwissenschaftliche Probleme, was ihn vor große Herausforderungen stellt, aber auch großen Spaß macht – er ist sozusagen unser "MacGuyver". 
  • Ich selbst, als Projektleiter von Isodrones, bin verantwortlich für alles was im Projekt passiert. Und das ist meine Herausforderung – sowohl wissenschaftlich als auch persönlich. Ich befinde mich im ständigen Selbstzweifel – wo will ich hin, bin ich gut genug? Will ich dauerhaft mehr als 50 Stunden in der Woche arbeiten? Sollte überhaupt jemand so viel arbeiten? Wie lässt sich Leben und Arbeit am besten verbinden?
Ein Schwarzleguan wird von einem Mann betrachtet.
Überraschungsgast im Forschungscamp: Ein Schwarzleguan. (Foto: Isodrones)

Mit der Möglichkeit, einen Einblick in das Leben dieser drei Wissenschaftler:innen zu erhalten, treffen wir den Nerv der Zeit ziemlich gut, denke ich. Die Inhalte veröffentlichen wir neben Youtube auch auf Twitter und Instagram.

Wie geben Sie darüber hinaus Einblicke in Ihre Forschungsarbeit?

Zusätzlich haben wir eine der ersten, wenn nicht die erste, "Interactive Study Sites" produziert: In einer 360° Virtual Reality präsentieren wir unseren Hauptforschungsstandort, einen Trockenwald im Nordwesten Costa Ricas. Die Nutzer:innen können unseren Forschungsstandort – ausgestattet mit einer VR-Brille – teils geführt, teils frei und interaktiv erkunden, dort Messgeräte und unser Monitoringsetup anschauen, sich Daten wie etwa Transpirationsraten einzelner Bäume direkt visualisiert ansehen und sogar einen Drohnenflug in 360° erleben. Dazu werden Erklärungen eingespielt, die unsere Forschung greifbar und verständlich machen. Das Ganze wird auf mehreren Veranstaltungen präsentiert – darunter auch ein internationaler Workshop in Italien. 

 

360 Grad Aufnahme von einer Wetterstation im Urwald in Costa Rica
360-Grad-Aufnahme der Wetterstation im Forschungslager im Urwald in Costa Rica. (Foto: Isodrones)

Die 360°-Videos dazu haben wir alle selbst gedreht und evaluieren natürlich auch den Nutzen: Was bietet dieses kommunikative Neuland für die Wissenschaftskommunikation? Sind solche Inhalte gleichermaßen hilfreich für Wissenschaftler:innen und außerwissenschaftliche Zielgruppen? Können wir so unsere technisch sehr fortgeschrittenen Methoden der Allgemeinheit verständlich und greifbar machen? Versteht man ihren Nutzen für die Praxis? All das ist ein riesiges Experiment, für uns als Forscher:innen, aber auch für die Medienschaffenden mit denen wir arbeiten.

Welche pandemiebedingten Veränderungen haben sich für das Projekt ergeben?

Leider gab es sowohl in meinem Freigeist-Projekt als auch in dem Wissenschaftskommunikations-Vorhaben massive Einschränkungen – ich denke, jeder von uns hat seine eigenen Erfahrungen wie die Pandemie unseren Arbeits- und Lebensalltag verändert hat. Wir konnten etwa eine geplante Feldarbeit in Costa Rica nicht durchführen und mussten verschiedene Feldversuche vertagen. Im Nachhinein bin ich aber der Meinung, dass unser WissKomm-Projekt von dieser unfreiwilligen Zäsur absolut profitiert hat: Wir haben die Situation genutzt, um mit externen Medienexpert:innen eine Evaluierung und Neuausrichtung vorzunehmen, um noch zielgerichteter und klarer zu kommunizieren. Die Evaluierung hat zu einer Schärfung der Themen, Inhalte und bespielten Kanäle geführt.

Wie haben Sie das Wisskomm-Projekt entwickelt?

Im Rahmen mehrerer Workshops haben wir zusammen mit unserem Creative Director Christoph Nick von c-Studios und externen Medienexperten zunächst Ziel und Zielgruppen geschärft. Dafür wurden sogenannte "Personas" erstellt, die unsere Zielgruppen repräsentieren: Naturwissenschaftlicher Nachwuchs und unsere unmittelbare Wissenschafts-Community. Diese unterschiedlichen Zielgruppen bewegen sich natürlich auf verschiedenen Kanälen und sind interessiert an unterschiedlich präsentierten Inhalten und Formaten. Daher waren die nächsten Schritte die Erarbeitung einer Content Strategie (Wie erreichen wir wen womit?), eines Social Media Kanalmix (Wen erreichen wir wo?) und die Definition von Genres, Formaten, Inhalten. Über so etwas würde sich ein Wissenschaftler niemals Gedanken machen! Für so ein großes Projekt ist es aber unerlässlich. Im nächsten Schritt haben wir dann einen Redaktionsplan erstellt, d.h. wann posten wir was, wie oft, wann, und was ist der konkrete Inhalt. Die Erarbeitung eines Workflows für die Produktion der unterschiedlichen Inhalte hat dabei sehr viel Zeit gekostet, aber wir haben riesige Fortschritte gemacht und kommen nun langsam in einen Workflow, der sich für alle Stück für Stück weniger arbeitsintensiv und insgesamt organischer anfühlt.

Eine Gruppe von Menschen steht unter einem Mangrovenbaum.
Das Forschungsteam von Matthias Beyer (v.l.): Malkin Gerchow, Dr. Matthias Beyer, Ana Claudia Callau Poduje, Adrian Dahlmann, Kathrin Kühnhammer, Alberto Iraheta. (Foto: Isodrones)

Wie kamen Sie auf die Idee zum Projekt?

Die Initialzündung war der Besuch eines Filmteams von ARTE, das uns bei Feldarbeiten in Namibia besucht hat, als ich meine Doktorarbeit geschrieben habe. Parallel zu den professionellen Filmarbeiten haben wir einen 45-minütigen semi-professionellen Film über unser Projekt und die Feldarbeiten gedreht. Ich fand es damals toll, den Leuten mit einfachen Worten zu erklären, was wir da eigentlich machen. Darüber hinaus haben viele Leute diese Filme angeschaut und das Feedback war durchweg positiv. Seit wir mit Isodrones angefangen haben, versuche ich diesen Weg weiter zu gehen, das heißt: komplexe Sachverhalte einfach und greifbar zu erklären und dadurch Forschung zugänglicher zu machen, authentisch sein – und das kollektive Bewusstsein wieder mehr auf unseren Planeten zu fokussieren. In Kombination mit meinem Faible für Surf-VLOGs kam mir dann irgendwann die Idee zur WissKomm Kampagne. 

Verträgt sich der Zeitaufwand für das Wisskomm-Projekt mit Ihrer Forschungsarbeit?

Ganz ehrlich: Es kostet schon unglaublich viel Zeit und wir haben das alle ein wenig unterschätzt. Es ist im Prinzip wie ein eigenes Forschungsprojekt, das koordiniert werden muss. Planen, Ideen und Inhalte kreieren, Konflikte lösen; der Anfang war schon schwer und holprig. Doch nun, nach einem halben Jahr, geht es darum, bei der täglichen Arbeit gleich einzubeziehen und zu erkennen, was als WissKomm-Inhalt nutzbar und interessant für die Zielgruppen ist. Für uns war dies ein langer und teilweise auch schmerzhafter Prozess. Hat man das aber erst einmal verinnerlicht und klare Workflows etabliert, funktioniert das natürlich immer besser. 

Welche Art von Unterstützung haben Sie sich geholt?

Wir haben zwei Social Media Manager:innen und einen Creative Director, die einen großen Teil der technischen Arbeit umsetzen und unglaublich für unser Projekt brennen. Ich kann deren Arbeit gar nicht genug loben! Unterschätzen sollte man den Aufwand also nicht und sich von Anfang an auch professionelle Medienschaffende an die Seite holen. Und das ist gleichzeitig das Dilemma: Ich sehe nicht, wie in einem "normalen" Forschungsprojekt ähnliche Dinge, wie wir sie gerade umsetzen, integriert werden sollen. Sowohl Zeitaufwand als auch Kosten sind mit Spitzenforschung kaum vereinbar – ich denke aber, dass der gesamte Bereich der Wissenschaftskommunikation vor diesem Problem steht. 

Ein Mann bearbeitet einen Baum in Costa Rica.
Matthias Beyer misst den Wasserdurchfluss an einem Baum im Forschungslager. (Foto: Isodrones)

Was würden Sie anderen Wissenschaftler:innen raten, die ein ähnliches Outreach-Projekt starten wollen?

Ich würde raten: Einfach machen! Und das machen, was sich gut anfühlt! Und sich dabei selbst nicht zu sehr verbiegen. Nur so vermittelt man Authentizität und erreicht Menschen. Wie mit allen Sachen ist es so, dass man durch Erfahrung lernt. Viele Forscher:innen machen sich selbst kleiner als sie sind und stecken in Perfektionismus und Selbstzweifel fest. Etwas nicht zu machen, weil man denkt es interessiert niemanden ist aber der falsche Ansatz.

Und darüber hinaus – und ich denke das ist für Wissenschaftler:innen von besonderer Bedeutung – kann ich nur raten, der 80/20 Regel zu folgen – übertriebener Perfektionismus ist in der schnelllebigen Social Media Welt einfach nicht zielführend und verschleißt. Gleichzeitig muss man sich natürlich auch gut dabei fühlen. Es bringt wenig, ein WissKomm Projekt zu machen, wenn man eigentlich gar kein Interesse hat und es nur tut um "Impact" zu erzeugen. Und dann sollte man sich wie schon gesagt unbedingt professionell begleiten lassen – kein:e Wissenschaftler:in kann all dieses Know-how bereits haben. 

Was hat Sie während der Produktion am meisten überrascht?

Ich fand es überraschend, wie gut das Feedback zu den Produkten bisher ausfällt. Man ist ja selbst immer sein größter Kritiker – umso schöner ist es dann positives Feedback zu den Inhalten zu bekommen. Es war schon eine große Überraschung, wie viele Leute uns kontaktieren, Feedback geben, Unterstützung anbieten und auch detaillierte Fragen zum Projekt äußern. 

Was reizt Sie an der Wissenschaftskommunikation – was treibt Sie an, all diesen Zusatzaufwand zu betreiben?

Ich finde es einen tollen Lerneffekt, mal ein Projekt in einem anderen Bereich als pure Wissenschaft zu machen. Es macht für mich sehr großen Sinn, auch als Wissenschaftler darüber nachzudenken, wie wir unsere teils hochkomplexen Gedankenwelten dem Durchschnittsbürger verständlich machen können. Ich liebe es beispielsweise, mit Förstern zu reden und darüber nachzudenken, wie deren unglaubliches Wissen für wissenschaftliche Anwendungen nützlich sein kann. Wissen schaffen ist also keine Einbahnstraße! Ohne diese Fähigkeit bzw. diese Denkweise werden wir Wissenschaftler:innen nie ein breiteres Publikum finden oder unsere Erkenntnisse in Entscheidungsprozesse einbringen. Es geht nicht darum, beliebt oder berühmt zu sein. Es geht darum, dass spannende und wichtige Erkenntnisse einen schnelleren Weg als bisher an ein breites Publikum finden – und dafür ist unser Wissenschaftskommunikationsprojekt meiner Meinung nach ein sehr gutes Tool. 

Das Wisskomm-Projekt von Freigeist-Fellow Matthias Beyer wurde in der Initiative "Zusätzliche Mittel für Wissenschaftskommunikation" gefördert. Von der Stiftung geförderte Wissenschaftler:innen können hier Mittel für ihr Wissenschaftskommunikationsprojekt beantragen. 

Eine Übersicht zu allen aktuellen Freigeist-Fellows finden Sie hier. Die Initiative Freigeist-Fellowships wurde 2021 beendet.