Der Mensch denkt – und (nicht nur) Corona lenkt

Die Schlüsselfrage: Können Forschende lachen, wenn die Wirklichkeit ihr Projekt eiskalt überrollt? Antwort: Sie müssen. Lachen stärkt den Gemeinschaftsgeist und hilft dabei, Rückschläge in der Forschung konstruktiv zu verarbeiten. Wie das geht, haben der Soziologe Jan Delhey (Universität Magdeburg), die Politikwissenschaftlerin Franziska Deutsch (Jacobs University Bremen) und der Sozialwissenschaftler Jan Eichhorn (University of Edinburgh) in ihrem Projekt gezeigt.

Man müsse sich das jetzt doch noch einmal vergegenwärtigen, was sie zum Projektstart dachten, erzählen Delhey, Deutsch und Eichhorn im Frühjahr 2022 in persönlichen Videogesprächen und Telefonaten. Anfang 2020, damals in der ersten Corona-Welle, seien sie doch "tatsächlich" (Deutsch), "wirklich" (Delhey) und "ganz fest" (Eichhorn) davon ausgegangen, dass die Pandemie spätestens in zwei Jahren vorbei ist. Unfassbar, nicht wahr?!

Die Planung läuft

Man war sich sofort einig über das Ziel eines gemeinsamen Projekts. "Wir wollten herausfinden, ob und wie nachhaltig die existenzielle Bedrohung durch die Pandemie das Wertegefüge verändert", fasst Delhey zusammen. Auch die Methode stand schnell fest. Eine vergleichende Langzeitbefragung sollte es werden mit zwei Panels von je rund 2.000 Personen in Deutschland und Großbritannien. Die beiden Staaten wählten die Forschenden aus, weil sie in ökonomischer Sicht vergleichbar sind, sich in ihrer Pandemiepolitik allerdings stark unterschieden. Während Deutschland zum Beispiel die Wirtschaft mit Kurzarbeitsförderungen und Corona-Zuschüssen stützte, hielt sich London mit Maßnahmen eher zurück.

Eine Frau hält einen Videocall mit vier anderen Menschen.
Videocalls gehören inzwischen fest zum Arbeitsalltag dazu - auch in der Forschung. (Foto: Nattakorn - stock.adobe.com)

Ein bisschen länger brauchte das Team, um sich auf das Wertemodell zu einigen, das der quantitativen Online-Panel-Befragung zu Grunde liegen sollte. Doch nach zwei oder drei Videocalls war klar: Um schnell starten zu können, sollten es ein Mix aus wissenschaftlich anerkannten Wertekonzepten und Theorien wie die des Psychologen Shalom Schwartz sowie der beiden Politologen Ronald Inglehart und Politologen Christian Welzel sein. Dafür sprach auch ein ganz pragmatischer Grund: Das Team hatte mit den Modellen bereits gearbeitet. "Uns war bei diesem Neuland-Projekt wichtig, bewährte Konzepte und wissenschaftliche Instrumente zu wählen", sagt Delhey über das Vorhaben "Values in Crisis – a Crisis of Values? Moral Values and Social Orientations under the Imprint of the Corona Pandemic", das man dann erfolgreich bei der Stiftung einreichte und gefördert bekam.  Nichts sollte den klar strukturierten Ablauf stören. 

Die Entscheidung, mit bekannten Modellen zu arbeiten und so Reibungsverluste zu vermeiden, erwies sich im Nachgang als richtig. Als Problem entpuppte sich dann aber der Zeitplan: Die erste der drei Befragungswellen mit 2000 Teilnehmenden in Deutschland und UK fand direkt im ersten Corona-Schock im Frühjahr 2020 statt. Eine zweite sollte zu einem Zeitpunkt laufen, an dem die Befragten das Gefühl haben, über den Pandemie-Berg zu sein. Gemäß dem Projektplan wäre das im Frühjahr 2021 gewesen. Eine dritte Befragungsrunde schließlich legte das Team für das Frühjahr 2022 fest – die Zeit "nach der Pandemie".

Umsteuern nicht möglich

Hinterher ist man immer schlauer, klar. Ein Ende der Pandemie ist bis heute nicht in Sicht. Als sich die Planungspleite abzeichnete, war es zum Umsteuern allerdings zu spät. Die Sozialforschung kennt das Problem der Panelsterblichkeit: Weil im Laufe einer Panelstudie Befragte abspringen, empfiehlt sich diese wissenschaftliche Methode nur in einem strengen Zeitrahmen. Wer ihn durchbricht und Befragungsrunden hinausschiebt, verliert Befragte und damit wissenschaftlich verwertbare Informationen. Die Studie steht dann statistisch auf schwachen Füßen und büßt unwillkürlich an Aussagekraft ein. Genau das wollte das Team verhindern. Und so zogen die Forschenden die Sache durch: Im April und Mai 2022 lief die dritte und letzte Befragungswelle. Zu dem Zeitpunkt hatte die Politik zwar viele Maßnahmen aufgehoben, die Pandemie aber war längst noch nicht vorbei.

Menschen demonstrieren gegen Corona-Maßnahmen in Berlin, das Brandenburger Tor ist im Hintergrund zu sehen.
Menschen haben wie in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert - aus Angst, Unwissenheit oder anderen Gründen. (Foto: Geoprofi Lars via Wikimedia Commons CC BY 4.0 http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/)

Damit aber noch nicht genug: Wenige Wochen vor dem Start der letzten Befragungsrunde im April erschütterte Putins Ukraine-Feldzug die Welt – und das Forschungsprojekt. Dass Bomben Werte verrücken können, zeigen Studien in der Folge Terrorangriffe vom 11. September 2001 in den USA. "Damals stieg in den USA das Bedürfnis nach Sicherheit. Das Wertgefüge verschob sich. Weltoffenheit geriet in der Krise ins Hintertreffen, das Bewusstsein für einen starken Nationalstaat dagegen verstärkte sich", so Werteforscherin Franziska Deutsch über die damaligen Erkenntnisse. 

Ob die Corona-Pandemie die gleiche Kraft hat und ob sich ein festgestellter Wertewandel womöglich wieder auflöst, das hätten die Forschenden in diesem Projekt ursprünglich gern herausgefunden. Wissenschaftlich sauber werden sie die Frage nun nicht mehr beantworten können. Denn die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine und die Folgen der Pandemie für das Wertegerüst lassen sich nicht mehr klar trennen. 

Befindlichkeiten und Befunde

Gescheitert ist das Vorhaben deshalb natürlich nicht, es gibt Befunde. Der Makrosoziologe und Glücksforscher Delhey und seine Kolleg:innen fanden beispielsweise heraus, dass die Lebenszufriedenheit der Deutschen und Briten durch den Ausbruch der Corona-Pandemie in fast allen Bevölkerungsgruppen sank, im Laufe der Pandemie dann aber relativ stabil blieb. Auffällig ist zudem die engere Verbindung mit dem psychischen Wohlbefinden: "Die Lebenszufriedenheit von Menschen wird in der Pandemie viel stärker durch psychologische Faktoren bestimmt, also durch unsere mentale Gesundheit", sagt Delhey.

Leere Regale im Supermarkt, in denen eigentlich Nudel und andere Teigwaren zu finden sind.
Die Coronakrise hat das Verhalten der Menschen stark beeinflusst, bspw. sichtbar durch ausgeprägte Hamsterkäufe. Solche Verhaltensweisen nahmen auch während des Ukrainekriegs wieder zu. (Foto: Tina Walsweer/VolkswagenStiftung)

Das berührt eine weitere Projekt-Erkenntnis. "Ängste haben auch kurzfristig einen stärkeren Einfluss auf Wertvorstellungen als wir bislang dachten", erklärt die Politologin und Werteforscherin Franziska Deutsch. Dabei sei aber wichtig zu unterscheiden, worauf sich diese Ängste vor allem beziehen. Menschen, die sich besonders große Sorgen vor den gesundheitlichen Folgen von Corona machen, betonen solche Werte, die ihnen vermeintlich Schutz versprechen. "Sie werden konservativer und ziehen sich auf das Bewährte, Eigene, also die Familie oder den eigenen Staat, sowie auf Traditionen zurück", sagt Deutsch. Ganz anders stellt sich der Wandel dagegen bei Personen dar, die sich vor allem vor den Pandemie-Folgen für die Wirtschaft sorgen. Für diese Menschen gewinnen Werte wie Offenheit für Neues, Zusammenarbeit und Solidarität an Bedeutung. Diesen Wertewandel fanden die Forschenden in abgeschwächter Form auch in Großbritannien.

Frau mit verschwörungstheoretischen Schildern behängt demonstriert.
Verschwörungstheorien zogen während der Pandemie viele Menschen an, aber die Zahlen sanken wieder. (Foto: Leonhard Lenz via Wikimedia Commons)

Das Projekt zeigte auch, dass es Werteprofile sind, die Menschen anfällig für Verschwörungstheorien machen. "Unter Verschwörungstheoretikern fanden wir Leute, die jegliche Form von Konformismus stark ablehnen, Autoritäten extrem misstrauen und ein sehr individuelles Verständnis von Freiheit für sich beanspruchen", schildert Jan Eichhorn einen Befund. Und: Feststellbar war auch, dass Verschwörungstheorien im Verlauf der Pandemie immer weniger Menschen anzog. "Der harte Kern blieb, aber viele wendeten sich wieder ab", sagt Eichhorn und erklärt auch das mit einem wertegetriebenen Verhalten. "Menschen können Konformismus ablehnen und individuelle Freiheiten für sich beanspruchen, den kompletten Verlust sozialer Ordnung aber zugleich fürchten." Diese Angst könnte durch die gefühlt massenhaften Corona-Proteste stimuliert worden sein, so Eichhorn. Die Proteste hätten damit in der Gesellschaft und bei Einzelnen unwillkürlich ein neues Bewusstsein für den Wert des Staates aktiviert. 

Corona als Chance für die Forschung

Lebenszufriedenheit, Ängste und Werte spielen zusammen. Das hat das Projekt gezeigt, das auch deshalb besonders ist, weil die Forschenden es aus purer Neugier und zunächst ganz ohne Fördermittelanreize starteten. Die erste Befragungswelle finanzierte das Team kurzerhand aus eigenen Mitteln. "Wir alle sahen die wissenschaftliche Chance, die in Corona liegt. Und uns war klar, dass wir sofort loslegen mussten, um die Folgen des ersten Schocks zu erforschen", sagt Jan Delhey und meint mit "wir" eben nicht nur Franziska Deutsch und Jan Eichhorn. Zum Team gehörten von Beginn an auch die beiden Psychologen Klaus Boehnke und Ulrich Kühnen von der Jacobs University Bremen und der Lüneburger Politikwissenschaftler Christian Welzel, Vize-Präsident des World Value Survey.

Das Werte-Projekt zu Corona ist wegen Corona und auch wegen des Ukraine-Kriegs nicht so gelaufen, wie es sollte. Und doch hat es nicht nur neue Erkenntnisse zum Wertewandel in der Pandemie geliefert. Es zeigt, wie in einem guten Team auch Unvorhergesehenes gemeistert werden kann und was Forschenden am Teamverbund wichtig ist. 

Das können scheinbare Banalitäten sein: "Ich muss sicher sein, dass andere die Arbeit gut machen", sagt Jan Delhey. Oder Jan Eichhorn: "Mir ist ergebnisoffenes Arbeiten extrem wichtig. Ich will alle Erkenntnisse publizieren, auch die, die im Widerspruch zu anderen Arbeiten stehen. Das Commitment gibt es nicht in allen Teams." Für Franziska Deutsch sind "Qualität, Verbindlichkeit und gegenseitiges Vertrauen" besonders entscheidende Werte. Das alles sei in dem Werte-Projekt gegeben gewesen. Sie hält das Vorhaben deshalb für "ein schönes Beispiel für den Wert interdisziplinärer wissenschaftlicher Zusammenarbeit und dafür, wie viel Spaß Forschung in einem guten Team machen kann".
 

Die Ausschreibung "Corona Crisis and Beyond"

Das Projekt zum Wertewandel wurde in der von Mai bis Dezember 2020 laufenden Ausschreibung "Corona Crisis and Beyond – Perspectives for Science, Scholarship and Society" gefördert. Insgesamt 102 Projekte wurden gefördert, mit einer Gesamtsumme von 11,7 Mio. Euro. Das Förderangebot war fachlich offen gestaltet, mit dem Ziel, insbesondere die geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Forschung zu den unmittelbaren wie auch langfristigen Folgen der COVID-19 Pandemie zu unterstützen. Die Fächerverteilung der geförderten Vorhaben: 51 % Gesellschaftswissenschaften, 16 % Geisteswissenschaften, 17 % Lebenswissenschaften, 18 % Natur- und Technikwissenschaften. 

Mit dem Förderangebot konnten Forschungschancen durch die Pandemie zeitnah genutzt und innovative Fragestellungen exploriert werden. Welche Erkenntnisse zur Bewältigung der akuten Krise und welche Impulse für eine mittel- bis langfristige Bewältigung großer gesellschaftlicher Herausforderungen in den Projekten generiert wurden und werden, steht im Zentrum des Forums "Corona Crisis and beyond", zu dem vom 5. bis 7. Dezember 2022 die Geförderten im Xplanatorium Schloss Herrenhausen in Hannover zusammenkommen.

Eine Übersicht aller geförderten Projekte. 

Presseinformation zum Förderangebot.